Ein Interview mit Frank-Michael Preuss
Steven Uhly, in Ihrem im Sommer 2026 erschienenen Roman „Nichts als Freude!“ kehren Sie zu einem ironischen Spiel mit dem eigenen Ich zurück – ähnlich wie in Ihrem gefeierten Debüt „Mein Leben in Aspik“. Das Buch wird als „Hymne an die Literatur“ und als persönliche Liebesgeschichte beschrieben. Was hat Sie nach all den Jahren und den vielen verschiedenen Erzählwelten dazu bewogen, ausgerechnet jetzt die Literatur selbst in den Mittelpunkt zu rücken? Und inwiefern dient das „eigene Ich“ dabei eher als Maske denn als Spiegelbild?
Ich verdanke dieses Buch nicht nur der Tochter meiner amerikanischen Freunde, sondern auch den vielen Zuhörern, die mir während meiner Lesungen immer wieder Fragen zum Schreiben gestellt haben. Dadurch lernte ich, über das Schreiben nachzudenken und so darüber zu sprechen, dass es verständlich war.
Das Spiel mit der Identität betreibe ich nicht erst seit Death Valley. Es prägt mein Schreiben seit meinem ersten Roman. Ab und zu habe ich davon Abstand genommen, etwa in Glückskind, in Marie, in Königreich der Dämmerung, in Finsternis, aber Romane wie Mein Leben in Aspik, Adams Fuge, Den blinden Göttern, Death Valley und jetzt Nichts als Freude! bilden eine Linie, die ich immer weiter verfolgt habe. Warum ich das tue? Ich nehme an, es hängt damit zusammen, dass ich schon immer eine offene Rechnung mit dem Konzept der Identität hatte. Identität ist ja die Festlegung auf etwas, das ich sein soll.
Schon in dieser Beschreibung liegt eine Verhärtung, eine Unflexibilität, die mir zutiefst suspekt ist. Wir sind sowieso immer jemand – Identität ist etwas, das mit uns aufwächst, etwas, das wir uns nach und nach aneignen. Schon die Sprache, die wir als erstes im Leben lernen, ist etwas Angeeignetes, etwas Uraltes, in dessen Strom wir eintauchen. Dass wir das nicht als eine Einschränkung erleben – was es meiner Meinung nach ist –, sondern versuchen, daraus irgendwie Kapital zu schlagen in Form von Nationalstolz oder irgendeine andere Art von Selbstbestätigung oder -vergewisserung, geht mir nicht in den Kopf.
Kultur, die identitätsstiftend sein soll, ist mir aus demselben Grund suspekt. Kultur ist meiner Meinung nach etwas, das immer da ist – es gibt keine Gesellschaft ohne Kultur. Sie ist notwendig, aber sie stellt auch eine Einschränkung dar, weil sie uns glauben macht, das, was wir kennen, sei das Non Plus Ultra. Mit anderen Worten: Kultur hindert uns an der Entwicklung einer wirklich universalen Perspektive. Aus diesem Grund stehe ich dem Anspruch der Kulturpolitik, deutsche Kultur und deutsche Identität zu stärken, kritisch gegenüber. Es ist für mich, als würde man sagen: Wir tun alles, um provinziell zu bleiben, und halten das für großartig.
Autobiographischen Figuren nicht einfach Masken. Sie sind vielmehr Teil eines Spiels mit dem Konzept der Identität, und ich glaube, ich habe in Nichts als Freude! deutlich gemacht, dass ich dieses Spiel letztlich betreibe, weil ich die Leute ans Nachdenken bringen will über unsere gängigen Konzepte von Identität.
Steven Uhly und das Vertrauen in das geschriebene Wort
Sie provozieren ja auch ganz gerne. An welcher Stelle führen Sie den Leser eigentlich hinters Licht? Wie konstruieren Sie ein Werk, das einerseits als „Liebeserklärung an die Literatur“ funktioniert, aber andererseits das Vertrauen der Leserschaft in das geschriebene Wort ständig untergräbt?
Ich muss das Vertrauen in das geschriebene Wort untergraben, weil es in all meinen Büchern um etwas geht, das nicht in den Worten ist, sondern jenseits der Worte. Ich muss den Abgleich mit einer äußeren Wirklichkeit untergraben, weil die Realität selbst eine Konvention ist, auf die wir uns geeinigt haben – voller Gewohnheiten, Traditionen, Wahrnehmungsmuster, „Deals“, die wir mit uns und unserer Umgebung aushandeln, um klarzukommen. Das nicht herauszufordern, wäre, als würde man sagen: Okay, ich sehe, wir führen uns alle ständig selbst hinters Licht, um dazuzugehören, und deshalb schreibe ich jetzt etwas, das vor dieser Tatsache die Augen verschließt und einfach so tut, als wäre das die Wirklichkeit. Deshalb habe ich in Nichts als Freude! immer wieder darauf hingewiesen, dass die Wirklichkeit außerhalb aller Narrative existiert, auch jener Narrative, die behaupten, die Wirklichkeit getreu abzubilden. Wie sonst sollen wir zu mündigen Bürgern werden, wenn wir uns nicht darüber im klaren werden, dass unsere gewohnte Wahrnehmung ein Konstrukt ist?
In Ihrem Roadtrip-Roman „Death Valley“ zeichnen Sie das Porträt eines Menschenfeindes, der versucht, keiner zu sein. Auch in den feinsinnigen Beobachtungen Ihres neuesten Werks spürt man eine tiefe Zerrissenheit. Wie entwickeln Sie Charaktere, die an der Welt verzweifeln? Welche philosophische Botschaft verfolgen Sie, wenn Sie diesen Figuren trotz ihrer Verachtung dennoch die Möglichkeit zu Empathie oder Liebe offenhalten?
Empathie und Liebe sind – entgegen den Äußerungen mancher Möchtegernphilosophen wie Elon Musk – die Achse, um die sich alle Gesellschaften drehen und immer drehen werden. Ohne Empathie würde niemand vom Gas gehen, wenn er sieht, dass weiter vorne jemand zu Fuß die Fahrbahn überqueren will. Ohne das Vertrauen in Empathie würde dieser Jemand es erst gar nicht wagen, die Fahrbahn zu überqueren. Wir vertrauen ständig und überall in das Mitgefühl der anderen, nehmen es aber meistens als gegeben hin und bemerken es nicht einmal. Death Valley war einfach nur eine neue Versuchsanordnung: Ein Menschenfeind, der keiner sein will, ist wie ein Kontrastmittel. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf Liebe und Empathie gerade dadurch, dass er Probleme damit hat.
Ich glaube, dass viele Menschen zwar irgendwie die Menschen lieben, aber im konkreten Fall lieber hassen, oder umgekehrt: die Menschheit unerträglich finden, aber ihre Mitmenschen lieben. Wir alle haben negative Gefühle unseren Mitmenschen gegenüber, das zu leugnen, wäre heuchlerisch. Die Frage ist nicht, ob wir diese Gefühle haben dürfen oder nicht – sie kommen einfach und gehen wieder. Die Frage ist vielmehr, wie wir uns entscheiden: diesen Gefühlen stattzugeben oder doch etwas anderes zu tun. Mein Protagonist in Death Valley entscheidet sich immer für Mitgefühl, obwohl es oft in ihm tobt. Das kann man als verlogen wahrnehmen. Doch dann müsste ich fragen: Was wäre denn die Alternative? Die Alternative wäre Krieg. Niemand hat uns je versprochen, dass menschliches Miteinander leicht sein muss. Es ist nicht leicht, denn wir müssen mit uns selbst und mit den anderen klarkommen – eine ganz schöne Herausforderung.
Die Konfrontation mit der eigenen inneren Landschaft
Als Autor verorten Sie die Abgründe Ihrer Figuren oft in größeren gesellschaftlichen Brüchen. Dient das physische Reisen – sei es durch amerikanische Wüsten oder europäische Landschaften in Ihren früheren Romanen – Ihren Protagonisten primär als Flucht? Oder ist es eine unerbittliche Konfrontation mit ihrer eigenen inneren Landschaft?
Das Reisen oder die Bewegung im physischen Raum ist natürlich im Roman immer eine innere Bewegung – sowohl ich als auch die Leser sitzen, während wir die Bewegungen der Romanfiguren nachvollziehen. Ich glaube, dass wir, wenn wir nicht ab und zu stehenbleiben und in uns schauen, sehr leicht in eine ständige Flucht nach vorne geraten. In der Bewegung zu bleiben, heißt, ein Ziel zu haben, Sinnvolles zu tun, nicht müßig zu sein, sich also rechtfertigen zu können mit dem, was man tut, und also nicht so leicht hinterfragt werden zu können, und auch, einen Status zu haben nach dem Motto „ich bin jemand, der etwas tut“. Meine Figuren, versuchen ständig, alle diese Kriterien des Daseins zu erfüllen.
In Mein Leben in Aspik führt die Bewegung nach vorn immer weiter in die Vergangenheit, weil der Protagonist (der sich ab der Hälfte des Buches Steven Uhly nennt), von der Frage getrieben ist, ob am Ursprung seiner Familiengeschichte Liebe stand. Er scheitert an seiner eigenen Liebe, weil niemand ihm Gewissheit geben kann. In Adams Fuge versucht der Protagonist, einen Auftrag zu erfüllen, der ihn zerreißt, weil er die ganze Zeit auf der Suche nach sich selbst ist, aber mit jedem Mord, den er begeht, ein Stück von sich verliert. In Königreich der Dämmerung versuchen die Überlebenden des Holocaust vergeblich, in eine Art Normalität zurückzukehren, nachdem alles, was sie jemals für normal gehalten haben, zerstört wurde, einschließlich ihre eigene Identität. In Finsternis geht es eigentlich um deutsche Identität und den innerdeutschen Ost-West-Konflikt, aber das hat keiner der Kritiker besprochen. In Den blinden Göttern führt der Versuch, Liebe und Sinn zu erfahren, in die völlige Auflösung des Ichs. Nur in Glückskind, Marie und Nichts als Freude! habe ich einen Gang zurückgeschaltet und diese Thematik zugunsten dramatischer Konstellationen zurückgestellt.
Über das literarische Erinnern
In früheren Interviews sprachen Sie oft über selektive Erinnerung und den Umgang mit der Vergangenheit. Die Figuren in Ihren Büchern – ob im „Königreich der Dämmerung“ oder in Ihren Gegenwartsromanen – scheinen oft vor ihren eigenen Erinnerungen zu fliehen oder sie umzuschreiben. Glauben Sie, dass das menschliche Gedächtnis von Natur aus wie ein fiktionaler Autor arbeitet? Und wenn ja: Heilt das literarische Erinnern, oder zementiert es unsere Lebenslügen?
Ich glaube, Heilung ist etwas, das Literatur nicht leisten kann. Sie kann auf Problematiken, Konstellationen, Fragen, Perspektiven aufmerksam machen und insofern sehr hilfreich sein. Sie kann Augen und Herzen öffnen. Aber von dort aus muss man allein weitergehen. Deshalb lasse ich in Nichts als Freude! meine Tochter sagen, Literatur könne nur retten, nicht heilen.
Ihr aktuelles Buch „Nichts als Freude!“ nutzt die Literatur als Werkzeug, um der Komplexität des Daseins zu begegnen. Wir leben in einer Zeit algorithmischer Gewissheiten und schneller politischer Urteile. Sehen Sie das Schreiben komplexer, vielschichtiger Romane heute als einen politischen Akt? Ist es ein Widerstand gegen die geistige Vereinfachung unserer Zeit?
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, meine Romane sind eine Form von Widerstand gegen besorgniserregende Trends unserer Gegenwart. Aber nicht nur das. Sie sind immer auch ein Angebot. Sie sagen letztlich alle: Du kannst dich fallen lassen, denn du hast eh keinen Boden unter den Füßen.
Ihre Prosa wird oft als „urkomisch und traurig“, aber auch als „verrückt und weise“ beschrieben. Ist Humor für Sie mehr als nur ein Stilmittel? Verstehen Sie ihn als eine zutiefst philosophische Überlebensstrategie Ihrer Figuren, um der Absurdität der Welt zu begegnen, ohne daran zu zerbrechen?
Ja. Solange ich lachen kann, ertrinke ich nicht im Leben.
Literatur und Buchmarkt
Wie hat sich der Raum für literarische Ambition in den letzten zwei Jahrzehnten verändert? Und wie beeinflusst das Wissen um den Buchmarkt Ihren eigenen Schreibprozess?
Die Lage ist schwierig geworden, die jüngeren haben ein anderes Leseverhalten entwickelt, wir leben in polarisierten Gesellschaften, die Leute wollen nicht unbedingt Fiktion, weil sie unter Fiktion Erfindung verstehen und unter Erfindung „ist nicht echt“. Die Aufspaltung der Wahrheit in Fakt und Fake ist Teil unserer polarisierten Gegenwart. Das macht den Raum für das, was ich tue, eng. Die Menschen wollen nicht verunsichert werden, weil sie bereits verunsichert sind. Vielen Menschen ist das zu anstrengend, sie wollen entspannen, wenn sie etwas lesen, oder sie wollen Spannung in Form von alternativen Realitäten.
Harry Potter verdankt seinen Erfolg meiner Meinung nach der Sehnsucht vieler Menschen nach Sicherheit plus Abenteuer – ein sehr kindliches Bedürfnis. Das gilt auch für den Boom, den Marvel mit seinen Superhelden-Filmen in den Nullerjahren verursachte und der die Kinolandschaft regelrecht verdorben hat. Gut und Böse sind ganz groß in Mode. Uns wird ein amputiertes Menschenbild angeboten, anstatt das versucht wird, Erzählformen zu finden, die unsere Komplexität zumindest andeuten können. Die Menschen haben Angst vor Komplexität, weil Komplexität keine simplen Orientierungsbojen anbietet. Wenn ich ein Mann oder eine Frau sein will, woran soll ich mich halten? In der überwältigenden Komplexität dieser Welt setzen die Menschen auf Reduktion, um irgendwie klarzukommen. Wie soll man in einer solchen Gemengelage versuchen, sein Publikum zu erreichen? Ich habe keine Ahnung, Gesellschaften sind unüberschaubare Wesen, die sich in ständiger Bewegung befinden.
Am besten, man orientiert sich an sich selbst: Welche Story will ich schreiben? Alles andere führt aus der Kunst. Das würde mir keine Freude machen.
