Justus Schulze und die künstlerische Identitätsforschung

Mein Name ist Justus Schulze, ich bin 31 Jahre alt, wohne in Braunschweig und habe das Glück in vielen unterschiedlichen Bereichen tätig sein zu dürfen. In meiner künstlerischen Praxis verbinde ich Kunst, Musik, Gestaltung und Forschung. Ein Begriff ist dabei die „Kunstidentitätsforschung“, die beschreibt, dass durch künstlerische Arbeit neue Bezüge über einen Ort oder Personen hergestellt werden können.

Inhaltsverzeichnis

Justus Schulze, in welchem Bereich fühlst du Dich am wohlsten und warum?

Mein Lieblingsbereich ist immer der, der gerade „dran“ ist. Meistens wechseln sich die Bereiche zeitlich ab oder überschneiden sich sogar. Wenn ich mich auf ein Konzert vorbereite hat die Musik die Priorität, bin ich für ein Projekt in einer Stadt liegt die Kunst und das Gestalten vorne und wenn ich zuhause bin freue ich mich, wenn ich mich in Literatur und Wissenschaft vertiefen kann. Alles hat seine jeweilige Zeit und ich bin dankbar alles zusammen machen zu dürfen.

Wenn du heute auf deinen Weg in die Kunst schaust: Gab es einen bestimmten Moment oder eine Erfahrung, in der dir klar wurde, dass Kunst dein „Antrieb und Motor“ ist?

Der kam tatsächlich erst spät. Zwar habe ich seit meiner Kindheit Musik gemacht, bildende Kunst jedoch in der Schule abgewählt und nie groß verfolgt. Mit 18 ca. erkrankte ich und habe im Zuge dessen angefangen zu zeichnen und zu malen. In den folgenden Jahren begleitete mich das immer weiter, aber die wirkliche Entscheidung die Kunst ins Zentrum zu stellen kam erst mit Mitte 20, mit dem Entschluss ein künstlerisches Studium zu absolvieren.

Du sprichst von „künstlerischer Identitätsforschung“: Wie näherst du dich in deiner Praxis der Frage an, was einen Ort oder einen Menschen ausmacht, und wie zeigt sich das später im Werk?

An einer Definition des Identitätsbegriffs beißen sich seit jeher die Menschen die Zähne aus und auch in der heutigen Zeit ist der Begriff sehr aufgeladen. In meiner Praxis geht es nicht darum Aussagen über Identitäten von Orten oder Menschen, im Sinne von „diese Eigenschaften hat dieser Ort oder diese Person“, zu treffen. Durch meine Arbeiten sollen den Menschen neue Möglichkeiten eröffnet werden, um durch reflexive Prozesse und im Austausch miteinander zu neuen Erkenntnissen über die Identität eines Ortes oder der
Person zu gelangen.

Da jeder Mensch anders ist und auf verschiedene Reize reagiert, geschieht dies mit unterschiedlichen Medien. Malerei, Zeichnung, Musik, Video. An Orten wird zusätzlich mit Materialien gearbeitet, die einen direkten Bezug zu ihm haben. Erden, Steine oder auch prägende Wirtschafts- oder Kulturgüter aus dem Ort – wie Braumalz des lokalen Bieres oder Salz eines Bergwerkes – werden zu Pigmenten vermahlen. Gleichzeitig werden die Menschen in partizipativen Aktionen zum Mitmachen eingeladen, damit sie ein Teil des Kunstwerkes sind. Wichtig ist auch immer ein Grundhaltung der Demut und des Zuhörens. Dass man nicht von oben herab auftritt.

Aufbauend auf dem Konzept der Resonanz von Hartmut Rosa, welches die Beziehung des Selbst zur Welt beschreibt, bezeichne ich diese Arbeiten als „Resonanzobjekte“. Sie können dazu dienen, dass Menschen neue Bezüge herstellen können. Wichtig ist dabei der Konjunktiv, denn ein Merkmal von Resonanz ist die Unverfügbarkeit. Daher bleibt die Arbeit mit Identitäten immer das, was du in deiner Frage auch beschreibst: Eine Annäherung.

In vielen deiner Arbeiten spielt Zeit eine zentrale Rolle: Wie lässt sich für dich Zeit ästhetisch festhalten, und welche Rolle spielt dabei der Prozess im Vergleich zum fertigen Objekt?

Der Prozess ist essentiell für das Verständnis des fertigen Objektes. Daher liegt ein großer Fokus bei der Ausstellung in der Vermittlung des Prozesses. Jeder Mensch, der sich einmal in einen Reflexionsprozess begeben hat weiß, dass so ein Prozess Zeit benötigt. Daher ist es für mich in der Entstehung der Arbeit immer wichtig sich Zeit zu nehmen, vor Ort und bei den Menschen zu sein. Auch Raum für Spontaneität zu haben, Einladungen wahrzunehmen und dem zu folgen, was sich ergibt.

Ästhetisch interessiert mich die Abbildung von Zeit mittels repetitiver Prozesse. Heißt durch das Zeichnen von Linien, Punkten, Strichen. Dadurch das es ein fast schon meditativer Schaffensprozess ist, verändert sich die Wahrnehmung der Zeit. Gleichzeitig fasziniert mich die Reaktion der Menschen, wenn sie die Vielzahl der gezeichneten Objekte sehen. Häufig kommen dann Fragen wie „Das hast alles du gemacht? Wird das nicht langweilig?“ und darüber kommt man in interessante Gespräche über verschiedene Verhältnisse zum Thema Zeit und der Bedeutung, die sie für Menschen hat.

Viele Menschen spüren, dass sich die Welt um sie rasant schnell verändert. Wie nimmst Du dies wahr, was sind Deine Konsequenzen?

Genau das ist ein Punkt, über den man bei der Betrachtung der Werke ins Gespräch kommen kann: Die Welt verändert sich, inwieweit wirkt sich das auf einen Ort und auf mich selbst aus? Auch hier kommt wieder die Resonanz ins Spiel: Mit dem Gefühl der schnellen Veränderung geht häufig ein Gefühl von Machtlosigkeit oder auch ein Abgehängt-Sein einher. Die Arbeiten sollen einen Fokus ins Hier und Jetzt bringen, ein Versuch sich nicht mit den Geschehnissen der Weltbühne zu beschäftigen, sondern sich auf sich und sein direktes Umfeld zu konzentrieren.

Du beschreibst deine Arbeit als Kunst „mit und für Menschen“: Was magst du besonders an der Zusammenarbeit mit anderen – sei es mit Teilnehmenden in Workshops, mit Auftraggebenden oder mit Kolleginnen und Kollegen?

Die Einblicke in andere Lebensrealitäten, das Lernen und Zuhören. Jeder Mensch hat eine Lebensgeschichte, Ansichten und Fähigkeiten, die ihn zu dem machen, der er ist. Das finde ich wahnsinnig spannend. Ich kann mich für vieles begeistern und freue mich immer, wenn ich neues lernen kann, oder auch meine Ansichten und mein Wissen herausgefordert werden. Besonders interessieren mich Begegnungen mit Menschen, die außerhalb der Kunstblase passieren, die ungeplanten Begegnungen. Wenn man so hohe Ziele hat, wie ich sie in meiner Arbeit formuliere, dass man Kunst „mit und für Menschen“ macht, dann darf das nicht nur in der eigenen Komfortzone stattfinden.

Beschäftigst Du Dich mit dem Thema KI? Wie siehst Du den Ausblick damit für die nächsten Jahre?

Da mein Masterstudium vor allem gesellschaftliche Veränderung behandelt hat, spielt das Thema KI natürlich eine Rolle. Vor allem die sozialen Aspekte, bspw. das Training der Clickworker in Entwicklungsländern, das Einschreiben hegemonialer Realitäten oder auch die Parallelen zu sozialen und technologischen Entwicklungen der letzten Jahrhunderte finde ich hochspannend. Gleichsam kann sie als Werkzeug manches Erleichtern und Beschleunigen: die Buchhaltung oder auch Skizzen und Entwurfsprozesse.

Im Kundenkontakt kann man bspw. sehr schnell Ideen visualisieren. Wenn man als Kreativer jedoch seine Arbeit an die KI abgibt und die von der KI erstellte Skizze als fertiges Produkt verkauft, dann wird man es schwer haben. Es wird immer ein Interesse an handgemachten Ideen und Kunst geben, daher blicke ich neugierig und gelassen auf das, was die KI uns in den nächsten Jahren bringen wird.

In einer Zeit, in der bisher definierte Berufsbereiche immer mehr ineinander übergehen und sich gemachte Erfahrungen im neuen Kontext verändern: wie politisch und/oder gesellschaftlich muss/darf unsere Arbeit sein?

Als jemand der in vielen Bereichen unterwegs ist, werden Aspekte des trans- und interdisziplinären Arbeitens immer wichtiger. In meiner Ausbildung lag ein Fokus darauf, zwischen den verschiedenen Disziplinen zu übersetzen. Die Frage wie politisch oder gesellschaftlich eine Arbeit sein soll, muss jeder für sich selbst entscheiden. Persönlich möchte ich mit meiner Arbeit niemanden belehren und sie soll keine moralisierenden Aspekte haben. Es geht um einen Umgang auf Augenhöhe, um Dialog und Reflexion. Dazu gehört auch immer Demut und Offenheit. Im Zuhören und Reflektieren geschieht häufig eine viel subtilere Veränderung, als wenn man laut und aggressiv vorgeht.

In deiner Arbeit geht es auch um die transformativen Potenziale von Kunst: Was wünschst du dir, was Kunst in unserer heutigen Gesellschaft bewirken kann – im Großen, aber auch im ganz Kleinen, im Alltag der Menschen?

Das knüpft perfekt an die vorherige Frage an und beschreibt genau, was mir wichtig ist. Grundsätzlich kann Kunst alles verändern. Viele Menschen kennen ein Lied, was sie durch schwere Zeiten getragen hat, ein Film, Buch oder Bild, was sie in ihren Bann zieht. Wenn man in der Kirche, im Stadion oder auf einem Konzert gemeinsam mit der Musik und anderen Menschen resoniert, erscheint kurzzeitig alles möglich. Es muss aber gar nicht immer die Erschütterung bis in die Grundfeste sein.

Wenn man lernt mit einem offenen Auge seine Umgebung wahrzunehmen, wird man jeden Tag wunderschöne Erfahrungen machen. Die vielfältigen Farben und Formen der Natur, Blumen, der Gesang von Vögeln, ein witziger Sticker am Laternenmast, ein schön designtes Fahrrad, ein buntes Sommerkleid, ein schönes Lied, was man aus einem gekippten Fenster hört. Wenn man so viele schöne kleine Sachen wahrnimmt, wird die Welt direkt zu einem besseren Ort und das ist das größte transformative Potenzial der Kunst.

Justus Schulze

Was war für Dich eine besonders gute Erfahrung? Was ist Dir besonders gut gelungen? Was war für Dich eine völlig neue Erfahrung?

Jedes Projekt ist eine völlig neue Erfahrung. Dadurch, dass ich mit so vielen verschiedenen Menschen in Kontakt komme, ist es immer wieder etwas neues und wahnsinnig spannend und lehrreich. Besonders gute Erfahrungen sind häufig die, wo ein Projekt Flügel bekommt und mehr daraus wird als „nur“ ein Kunstprojekt. So wie wir uns in Einbeck zufällig über den Weg gelaufen sind und nun in mehreren Bereichen versuchen Synergien zu bilden. Wenn die Begeisterung beide Seiten ansteckt, dann ist für mich ein Zeichen, dass etwas gut gelungen ist.

Wenn du drei Jahre nach vorn blickst: Welche künstlerischen Projekte oder Kooperationen würdest du dann gern realisiert haben, und warum gerade diese?

Auch hier gibt es wieder verschiedene Standbeine. Zum einen geht es in den nächsten Jahren darum, meine in der Masterarbeit entwickelte Methode der „partizipativen ortsbezogenen Kunstidentitätsforschung“ weiterzuentwickeln. Ein nächster Schritt besteht dabei in der Zusammenarbeit mit der Medizin. Aktuell bin ich im Kontakt mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, wo wir untersuchen wollen, inwieweit sich diese Methode im Zusammenhang mit psychologischer Resilienz bei Krebspatienten einsetzen lässt.

Weiterhin möchte ich meine künstlerischen und vor allem malerischen Kompetenzen weiterentwickeln und musikalisch mein Debütalbum aufnehmen. Für alles habe ich schon Kooperationen und bin wahnsinnig dankbar, das alles so erleben zu dürfen. Wenn ich zurückschaue, wie viele Dinge in den letzten drei geschehen sind, kann ich es kaum erwarten, was die Zukunft in den nächsten drei Jahren bereit hält.

Webseite von Justus Schulze: https://www.justusschulze.de/

Instagram: @schulze_justus

Mail: hallo@justusschulze.de

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