Najem Walis „Ein Ort namens Kumait“ ist weit mehr als eine tragische Liebesgeschichte. Der Roman verbindet ein persönliches Schicksal mit einem präzisen Bild des Irak am Vorabend des iranisch-irakischen Krieges. Im Mittelpunkt steht Salih Sultan, ein Geschichtslehrer und Dichter, der in Kumait Zuflucht vor Staat und Ideologie sucht – und doch genau dort in einen lokalen Machtapparat gerät, der das Prinzip der Diktatur im Kleinen spiegelt.
Die Handlung
Im Zentrum der Handlung steht die Beziehung zwischen Salih, der neunzehnjährigen Majda und dem herrschsüchtigen Isam Mahud. Diese Dreieckskonstellation ist nicht nur emotional aufgeladen, sondern auch politisch aufschlussreich: Liebe erscheint nie als geschützter privater Raum, sondern stets als etwas, das von Angst, Kontrolle und Macht durchdrungen ist. Gerade darin liegt die Wucht des Romans: Er zeigt, wie tief Herrschaft in das Intimste hineinreicht.
Wali interessiert sich dabei weniger für den offenen, spektakulären Terror als für seine alltäglichen Formen. Er beschreibt Denunziation unter Nachbarn, Selbstzensur im Gespräch und die feinen Mechanismen eines Lebens unter ständiger Beobachtung. So entsteht das Bild einer Gesellschaft, in der Menschen lernen, in Andeutungen zu sprechen und Wesentliches zu verschweigen.
Ort der Erinnerung und Hoffnung
Besonders eindringlich ist die Atmosphäre des Romans. Kumait erscheint zunächst als Ort der Erinnerung und Hoffnung, geprägt von Salihs Kindheitserinnerungen an seine Großmutter Matinrad. Doch nach und nach entlarvt Wali diesen Ort als eine Art Mini-Polizeistaat, in dem jede Idylle zerfällt. Genau dieser Kontrast macht den Roman so stark: Selbst Familie, Provinz und Rückzug bleiben nicht verschont, sondern sind längst von politischer Gewalt erfasst.
Auch literaturgeschichtlich ist das Buch bemerkenswert. Wali schrieb den Roman bereits zwischen 1987 und 1989, auf Arabisch erschien er jedoch erst 1997, weil sich lange kein Verlag für den brisanten Stoff fand. Besonders provokant war, dass der Roman Beschneidung als Form von Folter benennt und damit ein tiefes kulturelles Tabu angreift.
Darin zeigt sich eine zentrale Stärke von Walis Schreiben: Er richtet den Blick nicht nur auf sichtbare politische Gewalt, sondern auch auf körperliche und kulturelle Verletzungen, die Gesellschaften als normal hinnehmen. „Ein Ort namens Kumait“ ist deshalb mehr als ein Exil- oder Zeitroman. Es ist ein eindringliches Buch über die Verwundung des Menschen durch Macht, Konvention und Angst.
Najem Wali – Der Autor
Najem Wali, 1956 im irakischen Amara geboren und seit den frühen 1980er Jahren im deutschen Exil lebend, zählt zu den wichtigen arabischen Autoren der Gegenwart. Sein Werk ist eng mit Erfahrung von Verlust verknüpft: dem Verlust von Heimat, Kindheit und Unschuld. Ein Ort namens Kumait, erschienen im Berliner Secession Verlag und aus dem Arabischen von Imke Ahlf-Wien übersetzt, ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel.
