Nora Gomringer – Mit dem Meerschwein übt das Kind den Tod

Nora Gomringer – Es gibt Bücher, bei denen schon der Titel eine Warnung ist. „Mit dem Meerschwein übt das Kind den Tod“ gehört dazu. Was zunächst wie eine pädagogische Binsenweisheit klingt, kippt schnell ins Bittere: Der Umgang mit Verlust wird hier nicht nur am Tier erprobt, sondern an den Menschen selbst – in Beziehungen, die von Schweigen, Verdrängung und stillen Zumutungen geprägt sind.

Gomringer legt keinen klassischen Prosaband vor. Die kurzen, oft fragmentarischen Texte bewegen sich zwischen Erinnerung, Beobachtung und Reflexion. Sie schichten Erfahrungen übereinander: Alltägliches liegt an der Oberfläche, darunter lagern Kindheit und das Ungesagte. Gerade diese Form trägt den Inhalt – nichts ist abgeschlossen, vieles bleibt bewusst offen.

Familie als System des Verschweigens

Im Zentrum steht die Familie, jedoch fern jeder Idylle. Nach außen funktioniert sie, im Inneren wirken Druck, Rollen und Leerstellen. Die Mutter erscheint als Figur zwischen Weitergabe eigener Verletzungen und emotionaler Überforderung. Der Vater – Eugen Gomringer – bleibt als kulturelle Autorität präsent, zugleich als begrenzter Mensch im Privaten.

Gomringer vermeidet Abrechnung. Stattdessen insistiert sie auf Genauigkeit: Dysfunktion zeigt sich nicht im offenen Konflikt, sondern in dem, was fehlt. Gespräche brechen ab, Gefühle finden keinen Ausdruck, Bedürfnisse keinen Raum. Diese Leerräume beschreibt sie nicht theoretisch, sondern konkret – in Szenen, Gesten, beiläufigen Momenten. Gerade darin liegt die Stärke des Textes.

Tiere als Projektionsfläche

Das titelgebende Meerschwein ist mehr als ein Motiv. Tiere durchziehen das Buch als Gegenbilder zum menschlichen Verhalten: Sie urteilen nicht, sie verschweigen nichts, ihr Tod ist eindeutig. Für das Kind wird der Verlust des Tieres zur einzigen legitimen Form von Trauer – im Gegensatz zu den diffusen Verletzungen innerhalb der Familie, die keinen Namen haben dürfen.

So werden Tiere zu Stellvertretern für das Unsagbare. Gomringer deutet das an, ohne es zu Ende zu erklären. Sie vertraut darauf, dass Leser diese Bedeutung selbst zu Ende erschließen.

Nora Gomringer – Schreiben als Klärung, nicht als Anklage

Was diesen Text besonders macht, ist sein Zugriff auf die eigene Geschichte. Gomringer zerlegt Beziehungen nicht, um sie abzuwerten, sondern um sie zu verstehen. Ihre Perspektive ist nüchtern, nicht kalt; präzise, nicht gnadenlos.

Vor allem die Mutter-Tochter-Beziehung entfaltet dabei eine ambivalente Tiefe: Nähe und Distanz, Fürsorge und Überforderung existieren nebeneinander. Auch Geschwister erscheinen nicht als Einheit, sondern als unterschiedliche Reaktionen auf dasselbe System. Die Vaterfigur bleibt am stärksten codiert – gerade darin liegt ihre emotionale Wucht.

Selbstbehauptung ohne Pathos

Im Kern ist das Buch ein leiser Akt der Selbstbehauptung. Kein Manifest, sondern eine Setzung: Ich erinnere mich. Gegen familiäre Erzählungen, gegen kulturelle Zuschreibungen, gegen die Dominanz eines großen Namens.

Gomringer schreibt sich aus einer Rolle heraus, die ihr zugeschrieben wurde. Sie beansprucht Deutungshoheit über die eigene Geschichte – ein Schritt, der unspektakulär wirkt, aber weitreichend ist.

Sprache: Verdichtet, kontrolliert, wirkungsvoll

Die lyrische Herkunft der Autorin prägt jede Zeile. Die Sprache ist konzentriert, rhythmisch, präzise. Kein Wort zu viel, kaum eines zufällig. Gleichzeitig erzeugt diese Verdichtung auch Distanz: Manche Texte brechen ab, wirken bewusst unvollständig. Das ist kein Mangel, sondern Methode – eine Form, mit dem Unabschließbaren umzugehen.

Dieses Buch verlangt Aufmerksamkeit. Es erzählt keine lineare Geschichte, sondern legt Spuren. Wer ihnen folgt, stößt auf grundlegende Fragen: Wie prägen uns familiäre Strukturen? Was bleibt unausgesprochen? Und wie lässt sich daraus eine eigene Stimme entwickeln?

Am Ende steht kein Abschluss, sondern ein Nachhall. Genau darin liegt die Qualität dieses Textes: Er wirkt weiter – leise, aber nachhaltig.

Das Meerschwein stirbt. Das Kind lernt. Und irgendwann beginnt es zu erzählen.

Nora Gomringer - Am Meerschwein übt das Kind den Tod

Nora Gomringer, 1980 geboren, ist Schweizerin und Deutsche. Sie ist Lyrikerin, Filmemacherin und schreibt und spricht für Radio, Fernsehen und Feuilleton. Opernlibretti und Theaterarbeiten sowie zahlreiche Zusammenarbeiten mit Bildenden Künstler*innen machen sie zu einer der bekanntesten Dichterinnen ihrer Generation. 2015 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis, 2022 den Else Lasker-Schüler-Preis und zuletzt wurde sie 2025 mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor ausgezeichnet. Nora Gomringer lebt in Bamberg, wo sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet.

Verlag: https://www.voland-quist.de/

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