Unlock your [aI]dentity – Future Skills + KI

Unlock your [aI]dentity – Die Frage, die dieses Buch umkreist, ist im Grunde eine sehr alte: Wer bin ich – und wer will ich sein? Dass sie im Jahr 2026 mit dem Aufkommen allgegenwärtiger KI-Systeme eine neue Dringlichkeit erhalten hat, ist der eigentliche Anlass des Buches. Céleste und Marinko Spahić, Gründerpaar hinter dem HealthTech-Start-up MINDZEIT und dem KI-Bildungsprogramm [aI]fluencer, wählen dafür einen ungewöhnlichen Einstieg: nicht Technologie erklären, sondern Haltung einfordern.

Unlock your [aI]dentity – Mehr als ein Ratgeber

Das Buch verortet sich bewusst jenseits des Tech-Ratgebers. Sein Versprechen ist essayistischer Natur: Philosophie, Psychologie und Technologiereflexion sollen ineinandergreifen. KI wird dabei weder dämonisiert noch verklärt, sondern als Spiegel verstanden – als Medium, in dem sich menschliche Gewohnheiten, Denkfaulheit und Selbstbilder abzeichnen. Das ist ein produktiver Ausgangspunkt, der das Buch aus der Masse der KI-Populärliteratur heraushebt.

Wer wir sind, wenn die Maschine mitdenkt

Überzeugend ist, wo die Autoren diesen Anspruch einlösen. Alltagsnahe Beobachtungen – das gedankenlose Scrollen, die algorithmische Filterblase – werden mit konkreten Befunden verknüpft, etwa zur sogenannten „Accumulation of Cognitive Debt“, dem schleichenden kognitiven Preis unreflektierter KI-Nutzung. Hier gewinnt das Buch analytische Schärfe, ohne akademisch zu werden. Der Ton bleibt zugänglich, philosophische Bezüge werden funktional eingesetzt, nicht zur Dekoration.

Weniger überzeugend ist der umfangreiche Praxisteil mit Übungen und KI-Prompts. Was als Brücke zwischen Theorie und Alltag gedacht ist, kippt stellenweise in den Selbstoptimierungsjargon, den das Buch eigentlich zu überwinden sucht. Die Sprache wird dort glatter, die Gedanken flacher – und der reflexive Impuls, der die stärkeren Passagen trägt, verliert sich im Anleitungston. Eine konsequentere editorische Entscheidung zugunsten der essayistischen Linie hätte dem Werk gutgetan.

Anthropologie als Konsens

Trotzdem bleibt Unlock your [aI]dentity ein lesenswerter Beitrag zu einer Debatte, die in der Öffentlichkeit meist in zwei Lagern geführt wird: auf der einen Seite die Techniker, die über Algorithmen, Trainingsdaten und Sicherheitsarchitekturen sprechen, auf der anderen die Ethiker und Kulturkritiker, die moralische Grenzen ziehen und vor Abhängigkeit oder Kontrollverlust warnen. Beide Perspektiven sind legitim – aber beide verfehlen etwas Wesentliches.

Die Spahićs wählen den dritten Weg: den anthropologischen. Sie fragen nicht, was KI kann oder darf, sondern was sie mit uns macht – genauer gesagt: was sie über uns verrät. Denn wer täglich mit KI-Systemen interagiert, tritt unweigerlich in einen Spiegel. Die Fragen, die man einer KI stellt, die Aufgaben, die man ihr überträgt, die Grenzen, die man zieht oder eben nicht zieht – all das ist Selbstauskunft. Das Buch nimmt diese banale Alltagsbeobachtung ernst und hebt sie auf eine konzeptionelle Ebene.

Unlock your [aI]dentity

Nicht die Maschine steht zur Debatte, sondern das Selbstverständnis derer, die sie täglich benutzen. Was bedeutet Autorschaft, wenn ein Algorithmus mitschreibt? Was bleibt von Authentizität, wenn das eigene Denken von Vorschlägen flankiert wird? Wer bin ich, wenn ein System meine Sätze vervollständigt, bevor ich sie zu Ende gedacht habe? Das sind keine dystopischen Szenarien – das ist der gelebte Alltag von Millionen Menschen, der hier erstmals in seiner identitätstheoretischen Tiefe befragt wird.

Diese Verschiebung des Blickwinkels – weg von der Technik, hin zum Subjekt – ist die eigentliche Leistung des Buches. Und vielleicht sein bestes Argument: denn es macht deutlich, dass die entscheidende Frage im KI-Zeitalter keine technische ist. Sie ist eine zutiefst menschliche.

Unlock your [aI]dentity – Die Autoren

Céleste Spahić ist Tech-Philosophin, Mental-Health-Expertin und Keynote-Speakerin. Als Gründerin des HealthTech-Start-ups MINDZEIT® verbindet sie Wissenschaft und Technologie, um mentale Gesundheit greifbar und lebensnah zu fördern. Sie zählt zu den führenden Stimmen für mentale Gesundheit, Künstliche Intelligenz und Zukunftskompetenzen und spricht auf renommierten Bühnen wie TEDx, OMR, Bits & Pretzels und FIBO. Für ihre Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem als „Female Founder of the Year 2023“ und von Business Punk als eine der „Top 10 Persönlichkeiten im Bereich Health & Science“.

Marinko Spahić ist HealthTech-Gründer, Filmproduzent, Regisseur und Experte für Experience Design. Nach seinen Anfängen in der deutschen Film- und Kreativszene arbeitete er in Hollywood an internationalen Kinoproduktionen mit Stars wie Jon Favreau, Sean Bean und Daryl Hannah und etablierte sich später in Deutschland mit eigenen Projekten an der Schnittstelle von Film, Technologie und Design. Mit seinem VFX-Studio realisierte er visuelle Effekte für preisgekrönte Filme wie „Melancholia“ von Lars von Trier sowie für globale Marken und Kampagnen. Von 2012 bis 2015 wirkte er maßgeblich am Aufbau des Bachelor-Studiengangs Visual Arts an der ifs – Internationale Filmschule Köln mit, den er zudem leitete.

Unlock your identity

Verlag: https://www.penguin.de/

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