Anna von Boetticher – Es ist nie nichts – Die Tiefe als Schule der Resilienz

Anna von Boetticher ist eine der erfahrensten Apnoetaucherinnen der Welt. In „Es ist nie nichts“ unternimmt sie den Versuch, ihre jahrzehntelange Faszination für die Unterwasserwelt in eine literarische Form zu gießen, die sich explizit nicht als Sportlerbiografie versteht. Das Buch ist eine Sammlung von Reiseessays, die von den Azoren über die Cenoten Mexikos bis zu den Eisfeldern Grönlands führen.

Leitmotivisch durchzieht alle Texte die Frage nach der inneren Haltung, die es braucht, um sich einer unberechenbaren Natur auszusetzen, ohne sie zu beherrschen. Der Titel ist dabei Programm: Er ist eine Absage an die Ökonomie der Superlative, an die Reduktion von Erlebnissen auf Meter, Minuten und Rekorde.

Anna von Boetticher – Stil und Stille

Boettichers erzählerische Struktur folgt keiner chronologischen Entwicklung, sondern dem Prinzip der Wiederkehr. Kapitel wie das über die Rückkehr ins Eis oder die bayerischen Moore zeigen, dass es der Autorin nicht um das einmalige Abenteuer geht, sondern um die stetige Vertiefung des Vertrauten. Der Tonfall ist ruhig, präzise und unaufgeregt; die Sprache verzichtet auf dramatische Zuspitzungen. Das ist eine Stärke, wo die Autorin die Stille und die Dunkelheit unter dem Eis oder in den gefluteten Minen Schwedens beschreibt.

Es ist jedoch auch eine Schwäche, wenn die Reflexionen über Resilienz und Entdeckerfreude bisweilen in allgemeine Lebenshilfe abgleiten. Die wiederkehrende Betonung, dass „nie nichts“ sei, wirkt auf Dauer etwas formelhaft und wird der Komplexität der beschriebenen Extremerfahrungen nicht immer gerecht.

Nature Writing

Literarisch steht das Buch in der Tradition der Nature Writing- und Abenteuerliteratur, wie sie etwa von Autoren wie Robert Macfarlane oder auch Jon Krakauer geprägt wurde. Boetticher gelingt es, die Unterwasserwelt als einen Ort zu etablieren, der nicht nur physische, sondern vor allem epistemische Herausforderungen bereithält. Ihre Beschreibungen der Tauchgänge sind eindringlich, weil sie die körperliche Empfindung – die Kälte, den Atemreiz, die Desorientierung – in den Vordergrund stellen. Die Stärke des Buches liegt in diesen Passagen, in denen die Autorin den Leser an die Grenzen der eigenen Wahrnehmung führt.

Analytische Schärfe?

Differenziert betrachtet, bleibt das Werk jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Einordnung in den gesellschaftlichen Kontext – etwa die Kritik am Massentourismus oder die Reflexion über den Klimawandel – geschieht eher beiläufig und wirkt mitunter pflichtschuldig. Hier wäre mehr analytische Schärfe wünschenswert gewesen. Auch die wiederholte Betonung der eigenen Bescheidenheit und der Verzicht auf Selbstinszenierung wirken bisweilen wie eine Pose, die das Buch nicht nötig hätte.

Dennoch: Als Einladung, die eigene Umgebung mit offenen Augen zu betrachten, ist „Es ist nie nichts“ ein lesenswertes Buch. Es erinnert daran, dass Entdeckerfreude keine Frage der Entfernung ist, sondern eine Frage der Haltung – und dass die Tiefe nicht nur im Ozean, sondern auch im Alltäglichen liegen kann.

Die Autorin

Schon mit siebzehn machte Anna von Boetticher ihren ersten Tauchschein. Viele weitere Level folgten bis zum riskanten „technischen Tauchen“ in großer Tiefe. Im Frühjahr 2007 belegte sie ihren ersten Apnoe-Workshop, ohne zu ahnen, dass sie wenig später zu den Weltbesten gehören sollte. Inzwischen hat sich ihr Fokus vom Wettkampf wieder auf das Entdecken verlegt: In der Dokureihe Waterwoman erzählt sie für den NDR über die Faszination der Unterwasserwelt an den unterschiedlichsten Orten. Zurzeit arbeitet sie an einem längeren Dokumentarfilm über die Wunder unter dem Eis in Grönland.

Anna von Boetticher – Es ist nie nichts

Anna von Boetticher – Es ist nie nichts – Die Tiefe als Schule der Resilienz

Verlag: Penguin

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