Peter Biro – von Menschen und Sitzmöbeln

Inhaltsverzeichnis

Ein Dialog zwischen Peter Biro und Frank-Michael Preuss

Peter Biro, wer bist Du, was machst Du heute hauptsächlich und wo liegt dabei Dein Fokus?

Ich bin ein pensionierter Arzt und Professor der Anästhesiologie, der die plötzlich verfügbare Zeit ohne das Hantieren mit Narkosemitteln zum kontemplativen Nachdenken nutzt. Im Mittelpunkt stehen die Herausforderungen des Rentneralltags. Diese sind dreierlei Art: kurzfristig – was gibt’s heute Abend zu essen? Mittelfristig – in wie vielen Jahren wird mein altes Hörgerät durch ein neues ersetzt, und wer bezahlt es? Langfristig – was geschieht nach meinem Ableben mit der variablen Hypothek auf meine Eigentumswohnung? Die mit diesen Fragen verbundenen Sorgen, insbesondere die kurzfristigen, verscheuche ich mit literarischen Übungen. Darauf liegt heute mein Fokus. Meistens jedenfalls bis zum Abendessen.

In „Vom Taumeln zwischen den Kulturen“ erzählst Du von Deiner Kindheit in Rumänien und der Auswanderung nach Deutschland. Welche Erinnerung aus dieser Zeit hat Deine Sicht auf Menschen und ihre Eigenheiten besonders geprägt?

Es ist weniger eine einzelne Erinnerung als die alltägliche Erfahrung, wie weit offizielle Verlautbarungen und das tatsächlich Erlebte auseinanderliegen können. Geblieben ist mir eine gesunde Skepsis gegenüber hochtrabenden Deklarationen, feierlichen Versprechungen und politischen Losungen. Inzwischen erstreckt sie sich vorsichtshalber auch auf erstklassige Produkte zu konkurrenzlos niedrigen Preisen.

Du schreibst auf Deutsch, sprichst aber auch Ungarisch, Rumänisch und Englisch. Verändert sich Dein Humor, je nachdem, in welcher Sprache Du denkst oder schreibst?

Ungarisch ist meine Muttersprache, in der ich lernte, meine Primärbedürfnisse anzumelden. Rumänisch war die Unterrichtssprache meiner ersten sieben Schuljahre, Englisch meine erste Fremdsprache. Alle drei beherrsche ich ganz manierlich. Aber zwischen dem Beherrschen einer Sprache und dem gezielten Anrichten von Unfug in ihr besteht ein erheblicher Unterschied.

Auf Deutsch fühle ich mich beim literarischen Schreiben am sichersten, insbesondere beim Humor, der ja eine ernste Sache ist. Ob sich mein Humor von Sprache zu Sprache verändert, kann ich deshalb schwer vergleichen. Im Deutschen bin ich jedenfalls einigermaßen standfest. Mit gewissen Abstrichen, die ich lieber verheimlichen möchte.

Du hast jahrzehntelang in der Anästhesiologie gearbeitet. Gab es einen Moment, in dem Dir klar wurde, dass Du Erlebnisse und Beobachtungen nicht nur medizinisch, sondern auch literarisch verarbeiten möchtest?

Einen einzelnen Erweckungsmoment könnte ich nicht benennen. Die Erkenntnis kam recht spät, erst in den letzten Jahren vor der Pensionierung. Irgendwie ahnte ich, dass mich die Frage, was es am Abend zu essen gibt, künftig heftig umtreiben würde. Daraufhin keimte die Idee, mich mit belletristischem Schreiben abzulenken. Beobachtungen und Erlebnisse hatten sich bis dahin genügend angesammelt.

In Deinen Texten treffen komische Situationen oft auf ernste Erfahrungen. Woran merkst Du beim Schreiben, ob Humor einer Geschichte etwas eröffnet – oder ob er ihr im Weg steht?

Da bin ich mir keineswegs immer sicher. Meist steht am Anfang ein ungewöhnlicher, vielleicht lustiger Gedanke. Erst beim Weiterschreiben zeigt sich, was er trägt. Misstrauisch werde ich, wenn ich eine Pointe unbedingt unterbringen möchte, obwohl die Figur gerade etwas anderes braucht. Dann steht womöglich mein Vergnügen an der Formulierung der Geschichte im Weg. Leider gelingt es mir nicht immer, das Dilemma überzeugend aufzulösen.

Professioneller Mann mit Brille und grauem Haar, lächelnd.

Du karikierst auch Eitelkeiten und Hierarchien im Klinikbetrieb. Wie viel Abstand braucht man zu einer Arbeitswelt, die man so gut kennt, um frei über sie schreiben zu können?

Zum Erkennen braucht man gar keinen Abstand. Im Gegenteil: Erst wenn man mittendrin im Klamauk des Klinikbetriebs steht, erfasst man die Sachlage. Wer ein gewisses Gespür für die komischen und absurden Erscheinungsformen des Menschseins besitzt, dem gehen die Themen dort nicht so schnell aus. Beim Schreiben hilft allerdings etwas Abstand zur eigenen Rolle. Schließlich stand man selbst jahrelang mitten auf dieser Bühne und hielt das eigene Tun für ausgesprochen vernünftig. Meine Kolleginnen und Kollegen waren da oft anderer Meinung.

In „Tarator“ variierst Du ein Rezept für kalte Gurkensuppe immer wieder literarisch. Was hat Dich an dieser scheinbar kleinen Ausgangsidee so gereizt – und wann wurde Dir klar, dass sie ein ganzes Buch tragen kann?

Die Idee kam mir beim Wiederentdecken von Raymond Queneaus „Stilübungen“, die mir eine Flamme aus meinen Jugendtagen nahegebracht hatte. Hinzu kam die gastronomische Erfahrung mit dieser kalten Gurkensuppe auf einer privat finanzierten Forschungsreise nach Bulgarien. Mich reizte, einen denkbar bescheidenen Gegenstand durch möglichst unterschiedliche literarische Ausdrucksweisen zu schicken. Dass daraus ein Buch werden könnte, zeichnete sich ab, als mir die Varianten noch immer nicht ausgingen. Am Ende waren es 160 Stück. Die Suppe an sich erwies sich als erstaunlich ergiebig.

Bei Deinen Geschichten und Parodien spielen Wortverdrehungen und überraschende Assoziationen eine große Rolle. Entsteht ein Text bei Dir eher aus einer Beobachtung, einer Idee oder aus einem einzelnen Satz?

Schwer zu sagen. Meist entsteht zunächst ein hundskommuner Satz, mit dem ich einen banalen Sachverhalt beschreibe, zum Beispiel: „Am Ende des Korridors in der evangelischen Reitschule erschallte der gellende Urschrei des unglücklichen Dunkeljodlers.“ Dann gehe ich einige Male darüber und bastle so lange daran herum, bis etwas literarisch Anspruchsvolles daraus entsteht. Oder wenigstens etwas, das sich ohne hörbares Stocken vorlesen lässt.

Mit „Die Faszination gepolsterter Rückenlehnen“ hast Du Dich auch dem Roman zugewandt. Was kannst Du in einer längeren Erzählung erkunden, wofür die Kurzgeschichte keinen Platz lässt?

Tatsächlich stand am Anfang eine sechsseitige Kurzgeschichte. Die habe ich unter Anwendung einiger nicht durchweg lauterer Gedankengänge auf Romanumfang gebracht. Die längere Form gab mir Raum, den Beziehungen und den Folgen der unmöglichen Ausgangslage nachzugehen, Details zu erfinden und zu beschreiben: Was bedeutet es über ein ganzes Leben hinweg, zugleich Mensch und Sitzmöbel zu sein? Was machen andere aus einem solchen Wesen – und was macht sein egozentrisch veranlagter Biograf daraus?

Wenn man den Roman unter gleichmäßiger Hitze wieder eindickt, findet man die ursprüngliche Kurzgeschichte vermutlich noch im Bodensatz. Allerdings hat sie inzwischen den Geschmack der übrigen Zutaten angenommen.

Was möchtest Du, dass Leserinnen und Leser nach der Lektüre Deiner Texte mitnehmen – außer einem Lächeln?

Vielleicht noch ein Lächeln, fast schon ein wissendes Grinsen. Und die Neugier auf mehr davon. Gegen einen humanistisch geprägten Gedanken, der sich erst später bemerkbar macht, hätte ich ebenfalls nichts einzuwenden.

Peter Biro – Webseite: https://peter-biro.ch/

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Biro

Facebook: https://www.facebook.com/Peter.Biro.MD

Buchbesprechung: Die Faszination gepolsterter Rückenlehnen

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