Sein statt Haben – Eine Enzyklopädie für die neue Zeit

Sein statt Haben von Lilly Gebert ist ein Buch über die Erfahrung, die viele Menschen kennen: das Gefühl, ständig mehr leisten, besitzen oder sich selbst optimieren zu müssen – und dabei den Kontakt zu sich selbst zu verlieren. Gebert rückt dieses Gefühl ins Zentrum, ohne es zu dramatisieren oder mit großen Theorien zu überfrachten. Ihr Anliegen ist klar und schlicht. Sie zeigt, wie stark unser Alltag vom „Haben“ geprägt ist und welche Folgen das für Denken, Fühlen und Handeln hat.

Besitz oder Sinn?

Im Mittelpunkt des Buches steht die Frage, warum Besitz, Erfolg und Selbstoptimierung so oft an die Stelle von Sinn, Nähe und innerer Ruhe treten. Dabei geht es nicht nur um Geld oder Dinge. Gemeint sind vor allem Haltungen: das Sammeln von Erlebnissen, das Vorzeigen von Leistung, das ständige Vergleichen. Gebert beschreibt, wie dieses Denken Beziehungen prägt, die Arbeitswelt beeinflusst und das Bild von uns selbst verändert. Das „Sein“, das sie dem entgegensetzt, meint keinen Rückzug aus der Welt. Es steht für eine aufmerksamere, weniger getriebene Art, in ihr zu leben.

Der Aufbau des Buches folgt keiner strengen Argumentationslinie. Stattdessen besteht es aus locker verbundenen Kapiteln, die jeweils einen Aspekt der Grundfrage beleuchten – fast wie Einträge in einer Enzyklopädie. Diese Offenheit ist eine Stärke, aber auch eine Schwäche. Sie ermöglicht Querverbindungen und lässt Gedanken langsam wachsen. Gleichzeitig wiederholen sich manche Motive, ohne deutlich vertieft zu werden. Gebert setzt auf Wiederholung als Mittel der Erkenntnis, was nicht immer überzeugt. Besonders stark ist das Buch dort, wo Beobachtung und Nachdenken eng zusammenkommen. Schwächer wirkt es, wenn eher Diagnosen formuliert als Zusammenhänge genauer untersucht werden.

Sein und persönliche Ebene

Inhaltlich steht das Buch in einer bekannten Tradition von Texten, die Leistungs- und Konsumdenken kritisch hinterfragen. Anders als klassische Gesellschaftskritik bleibt Gebert jedoch auf der persönlichen Ebene. Größere strukturelle Fragen – etwa wirtschaftlicher Druck oder soziale Ungleichheit – werden angesprochen, aber nicht vertieft. Das lässt sich kritisch sehen, da viele Zwänge nicht allein individuell lösbar sind. Gleichzeitig liegt darin auch eine Stärke des Buches. Es setzt bei den Erfahrungen der Leserinnen und Leser an, nicht bei abstrakten Systemen.

Gebert sucht keine große Abrechnung mit „dem System“, sondern eine leise Verschiebung der Perspektive. Ihr Blick richtet sich auf Denk- und Verhaltensmuster, die viele verinnerlicht haben. Das macht das Buch zugänglich, aber auch angreifbar. Wer eine stärkere Analyse von Machtverhältnissen oder ökonomischen Zwängen erwartet, wird manche Gedanken als zu individuell empfinden.

Gerade darin zeigt sich jedoch die eigentliche Absicht des Buches. Sein statt Haben will kein abschließendes Urteil fällen, sondern zum Innehalten einladen. Es stellt mehr Fragen, als es beantwortet, und öffnet Denkbewegungen, ohne sie festzulegen. Man kann kritisieren, dass der Text stellenweise vorsichtig bleibt, wo mehr Schärfe möglich wäre. Zugleich überzeugt er durch seine ruhige Aufmerksamkeit und den Verzicht auf Lautstärke. Das Buch schafft einen Raum, in dem das Verhältnis von Selbst und Welt neu bedacht werden kann – nicht als fertige Lösung, sondern als Anstoß zum Weiterdenken.

Sein statt Haben – Die Autorin

Lilly Gebert, geboren 1998, mit akademischem Hintergrund in Geografie und Meteorologie, legt mit Sein statt Haben – Eine Enzyklopädie für die neue Zeit (erschienen im Oktober 2025 im Scorpio Verlag) ein Werk vor, das sich gängigen Kategorien entzieht. Es ist weder Lehrbuch noch Roman, sondern eine poetisch-philosophische Enzyklopädie. Sie beantwortet Fragen nicht mit Antworten, sondern mit neuen Fragen – und lädt die Leserinnen und Leser damit in einen stillen Dialog mit sich selbst und der Welt ein.

Verlag: Scorpio Verlag

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