Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen

Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen: Es beginnt mit einer Metapher, die sitzt. Der Herausgeber Julien Gupta beschreibt die Gegenwart als Kassette in einem Videorekorder, auf dem jemand Fast Forward gedrückt hat: marschierende Soldaten, Schlammlawinen, brennende Bäume, zerbombte Häuser – die Bilder rasen über den Bildschirm, und man findet die Fernbedienung nicht. Dann das Standbild: Stop. „Dieses Buch ist eine Einladung, gemeinsam auf Stop zu drücken.“ Selten wurde der Anspruch eines Sammelbandes so präzise formuliert – und selten hat ein Vorwort so gut gehalten, was es verspricht.

Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen versammelt dreizehn Autorinnen und Autoren aus Bereichen, die selten zwischen zwei Buchdeckel geraten: die Psychologin Marina Weisband, den Satiriker Marc-Uwe Kling, die Kinderbuchautorin Cornelia Funke, den Musiker Jojo Berger von der Band Querbeat, den Inklusionsaktivisten Raúl Krauthausen, die feministische Außenpolitikerin Kristina Lunz und andere. Das Ergebnis, erschienen im Frühjahr 2026 im Münchner oekom Verlag, ist kein Buch über Hoffnung im philosophischen Sinne – es ist ein Buch für sie. Ein dezidiert parteiisches Buch, das das offen zugibt.

Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen – Leitkonzept

Das Leitkonzept, das sich durch alle Beiträge zieht, ist einfach und überzeugend: Hoffnung ist kein Zustand, sondern ein Akt. Nicht das passive Warten auf Besserung, sondern die aktive Entscheidung, Zukunft für gestaltbar zu halten. Gupta formuliert es im Intro: Hoffnung sei „hirngesponnen, herzgefertigt und handgemacht“. Die Stärke dieser Rahmung liegt darin, dass sie dem Pessimismus nicht mit Schönfärberei begegnet, sondern mit einer Kategorienkritik: Wer sagt, es sei „eh schon zu spät“, habe Hoffnung als binäres System missverstanden.

Was das Buch auszeichnet, ist die Ernsthaftigkeit, mit der die Einzelbeiträge diese These durcharbeiten. Marina Weisband liefert das analytisch dichteste Essay. Sie beschreibt den Negativitätsbias der Medien, die Selbstregulierung komplexer Systeme und die Tiefenstruktur menschlicher Bedürfnisse – und argumentiert, dass Defätismus nicht nur moralisch verfehlt, sondern sachlich falsch ist. Wer die Manipulationsleichtigkeit der Menschen als Argument gegen die Demokratie wertet, macht es den Feinden der Demokratie leichter. Dieser Gedanke sitzt.

Hoffnung und Eigenwilligkeit

Das eigenwilligste Kapitel schreibt Raúl Krauthausen. Er nähert sich dem Begriff aus der Perspektive eines Menschen mit Behinderung, dem Hoffnung als Projektionsfläche fremder Wünsche – auf Heilung, auf Mitleid – vertraut ist. Sein Essay ist das kritischste im Band: „Hoffnung füllt die Lücken, die ein versagendes System hinterlässt. Sie ist das Pflaster, das wir auf eine offene Wunde kleben, weil niemand kommt, sie zu versorgen.“ Diese Ambivalenz verleiht dem Band eine argumentative Tiefe, die er sonst nicht immer erreicht.

Denn die Schwäche des Sammelbandes liegt in seiner Konstruktion. Trotz erklärter Pluralität ist das Spektrum der Positionen politisch eng. Alle dreizehn Stimmen teilen denselben Grundreflex: progressive Weltanschauung, Klimabewusstsein, Solidarität als Leitwert, Skepsis gegenüber Rechtspopulismus und digitalen Monopolen. Das ist legitim – aber es erzeugt Redundanz.

Mehrere Beiträge kreisen um dieselbe Diagnose, ohne sich gegenseitig voranzutreiben. Das Gespräch zwischen Gupta und Marc-Uwe Kling – programmatisch „Systemakupunktur“ überschrieben – bleibt trotz Witz und Wärme im Format des geistreichen Plauderstücks stecken; die produktive Reibung fehlt.

Stilistik und Stärke

Stilistisch ist das Buch heterogen, was seiner Stärke entspricht. Jojo Bergers Musikessay klingt wie er selbst: spontan, körpernah, voll unvermittelter Bilder über die kollektive Energie eines Konzertmoments. Josephine Aprakus Beitrag – der persönlichste – nähert sich dem Thema über Fragmente, Bindungstheorie und Ubuntu-Philosophie; er ist das vulnerabelste Stück des Bandes und gerade deshalb das berührendste.

Kristina Lunz‘ historisches Kapitel über die Frauen von Den Haag, die 1915 mitten im Ersten Weltkrieg einen internationalen Friedenskongress abhielten, ist das stärkste erzählerische: Hier wird Hoffnung nicht diskutiert, sondern vorgeführt.

Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen


​Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen gehört zur wachsenden Tradition des konstruktiven Journalismus, den Maren Urner mitbegründet hat und der sich der Herausforderung stellt, Krisen nicht zu verharmlosen und dennoch nicht in Lähmung zu enden. Das Buch teilt die Stärken und Grenzen dieser Bewegung: Es ist ehrlich, engagiert und argumentativ gut ausgestattet – aber es spricht vor allem mit denen, die es ohnehin hören wollen. Ob Hoffnung auch dort entstehen kann, wo sie noch gar nicht vorhanden ist, bleibt die Frage, die das Buch sich selbst nicht stellt. Vielleicht ist das die nächste.

Verlag: https://www.oekom.de/

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