Philosophie des Radfahrens – Wer philosophiert, sitzt gewöhnlich. Wer Fahrrad fährt, tritt in die Pedale und schweigt. Dass beides zusammengehören könnte, ist die Grundthese dieses 2013 im Hamburger Mairisch Verlag erschienenen Essaybandes, der fünfzehn Texte internationaler Autorinnen und Autoren versammelt – Philosophieprofessoren, Sportjournalisten, Radprofis – und das Fahrrad als Gegenstand ernst nimmt, dem mehr innewohnt als Kette, Speiche und Rahmen.
Die Vorlage stammt aus der amerikanischen Philosophy for Everyone-Reihe bei Wiley-Blackwell. Peter Reichenbach, Mitgründer des Mairisch Verlags und selbst passionierter Radfahrer, hat die Auswahl für die deutsche Ausgabe bearbeitet und um deutschsprachige Originalbeiträge ergänzt. Das Ergebnis ist ein Buch, das weniger systematisch argumentiert, als es der Titel verspricht – und das gerade dort am stärksten ist, wo es auf Systematik verzichtet.
Vielstimmigkeit als Prinzip
Der Band ist keine Monografie, sondern ein Mosaik. Seine Themen reichen von der Ethik des Dopings über die urbane Radinfrastruktur Kopenhagens bis zur existenziellen Erfahrung des Scheiterns auf einer ersten Langstreckenfahrt. Was die Texte verbindet, ist weniger eine gemeinsame These als eine gemeinsame Überzeugung: dass das Fahrrad nicht bloß Fortbewegungsmittel ist, sondern – wie es in einem der Beiträge heißt – Fortschrittsmittel, ein Medium, in dem sich Körper, Geist und Welt auf produktive Weise berühren.
Die stärksten Beiträge gewinnen ihre Kraft aus der Verbindung von persönlicher Erfahrung und begrifflicher Schärfe. Heather L. Reid etwa, Philosophieprofessorin und ambitionierte Rennfahrerin, verdichtet in ihrem Text über den Moment an der Startlinie eine ganze Erkenntnistheorie des Zweifels. Raymond Angelo Belliotti, der nach eigener Auskunft nie ein Fahrrad besessen hat, entfaltet die Dopingkarriere Marco Pantanis als spieltheoretisches Dilemma – leichtfüßig, präzise und frei von moralischem Überschuss. Zack Furness wiederum liest die Critical-Mass-Bewegung als politische Praxis, in der sich Straßenraum und Öffentlichkeit neu verhandeln lassen.
Wo der Enthusiasmus die Analyse überholt
Nicht alle Texte halten dieses Niveau. Einigen Essays merkt man an, dass die Begeisterung für das Radfahren größer ist als der analytische Ehrgeiz. Wo Philosophie eher als Stimmungsmittel denn als Werkzeug eingesetzt wird, geraten die Argumente ins Ungefähre. Der Band teilt damit eine Schwäche des Formats: Die Philosophy for Everyone-Reihe setzt auf Zugänglichkeit, und der Preis dafür ist gelegentlich eine Tendenz zur Vereinfachung, die dem Gegenstand nicht immer gerecht wird. Auch die fehlende innere Gliederung – es gibt weder Kapitel noch thematische Abschnitte – verstärkt den Eindruck einer gewissen Beliebigkeit in der Anordnung.
In der Tradition populärphilosophischer Essaybände steht Die Philosophie des Radfahrens neben Titeln wie Alain de Bottons Trost der Philosophie oder den thematischen Bänden der Mairisch-Reihe zu Laufen und Fußball. Der Vergleich zeigt zugleich die Grenze: Wo de Botton einen durchgehenden Erzählfaden spinnt, bleibt die Anthologie auf die Qualität ihrer Einzelteile angewiesen. Die besten davon machen sichtbar, wie viel Denken in einer so schlichten Tätigkeit stecken kann. Die schwächeren erinnern daran, dass Begeisterung allein noch kein Argument ist – weder auf dem Rad noch in der Philosophie.
Die Übersetzungen lesen sich durchweg solide, doch der pragmatische Ton angloamerikanischer Wissenschaftsprosa legt sich über manche Texte wie ein leichter Schleier der Gleichförmigkeit. Dort, wo deutschsprachige Originalbeiträge eigene Akzente setzen – etwa Holger Dambecks Reportage aus Kopenhagen, die urbane Planung als Empathieleistung begreift –, gewinnt der Band spürbar an Farbe.

Ein Buch seiner Zeit
Der Essayband erscheint in einem Moment, in dem das Fahrrad gerade eine kulturelle und politische Aufwertung erfährt, die über seine praktische Funktion weit hinausreicht. Verkehrswende, Critical Mass, Radentscheide – das Zweirad ist 2013 längst kein unpolitischer Gegenstand mehr. Das Buch reagiert auf diese Entwicklung, indem es ihr eine philosophische Grundierung zu geben versucht. Dass es dabei eher anregt als abschließt, eher Türen öffnet als Thesen festzurrt, ist kein Mangel, sondern Haltung.
Jesús Ilundáin-Agurruza, Michael W. Austin, Peter Reichenbach (Hg.): Die Philosophie des Radfahrens. Aus dem Englischen von Roberta Schneider, Blanka Stolz u. a. Mairisch Verlag, Hamburg 2013. 208 Seiten, Hardcover.
