Torsten Schäfer – Die Wildnis in uns – Die Vermessung der inneren Landschaft

Torsten Schäfer – Die Wildnis in uns. Von ungezähmter Natur und inneren Landschaften. oekom Verlag, München 2026. 176 Seiten, 19 Euro.

Was bleibt von der Wildnis, wenn sie längst kartiert, erschlossen und zum Sehnsuchtsort einer naturfernen Gesellschaft geworden ist? Torsten Schäfer, Professor für Journalismus an der Hochschule Darmstadt, Wildnispädagoge und ehemaliger GEO-Redakteur, unternimmt in seinem neuen Buch den Versuch, diese Frage nicht nur intellektuell, sondern leiblich zu beantworten. Er reist zu den Sami nach Skandinavien, streift durch Auenwälder vor der eigenen Haustür, steht am Tanafjord an Norwegens nördlichster Spitze – und sucht dabei weniger die äußere als die innere Wildnis: jene verschütteten Schichten des Selbst, in denen die Verbundenheit mit der nichtmenschlichen Welt noch spürbar sein könnte.

Rhythmus des Unterwegsseins

Das Buch umfasst neun Kapitel und verbindet Reiseerzählung, persönliche Erinnerung, Naturbeobachtung und Reflexionen aus Schäfers Praxis als Wildnispädagoge zu einem vielschichtigen Ganzen. Es führt zu Begegnungen mit Rentierhirten im hohen Norden, an einen vertrauten heimischen Fluss und mitten in den Wald, wo das schlichte Feuermachen zur elementaren Erfahrung wird. Immer wieder verschränken sich äußere Wege und innere Fragen.

Die einzelnen Teile sind unterschiedlich gewichtet, doch gerade diese Offenheit verleiht dem Buch Dynamik. Es folgt keinem strengen Aufbau, keiner didaktischen Schrittfolge. Stattdessen orientiert sich der Text am Rhythmus des Unterwegsseins: tastend, aufmerksam, bisweilen sprunghaft. Wildnis erscheint hier nicht als fest umrissener Begriff, sondern als Prozess – als Annäherung, die Zeit braucht, Umwege zulässt und sich nicht vollständig planen lässt. Genau darin liegt die innere Logik des Buches und seine erzählerische Kraft.

Wildnis ist Haltung

Im Kern sagt Schäfer: Wildnis ist kein Ort, den man besucht, sondern eine Haltung. Sie beginnt im Menschen selbst. Gemeint ist damit das Unangepasste, Unkontrollierte, das im Alltag oft keinen Platz hat. Schäfer greift dabei Gedanken aus Psychologie und Naturphilosophie auf, bleibt aber meist bei konkreten Erfahrungen. Wenn er beschreibt, wie sich Stille anfühlt, wie es ist, draußen zu schlafen oder einen Joik-Gesang der Sami zu hören, wird das Buch greifbar und lebendig.

Besonders stark ist Schäfer dort, wo er genau hinschaut und erzählt. Etwa wenn er die Geschichte des Widerstands der Sami gegen einen Staudamm in Norwegen schildert oder wenn er untersucht, wie unsere Sprache Wildnis oft als etwas Bedrohliches darstellt. In diesen Passagen zeigt sich seine journalistische Erfahrung: Er erklärt Zusammenhänge verständlich, ohne sie platt zu machen.

Nature Writing

Sprachlich bewegt sich das Buch im Bereich des Nature Writing, einer Form des Naturschreibens, die persönliche Erfahrung und gesellschaftliche Fragen verbindet. Schäfer schreibt anschaulich, manchmal auch sehr gefühlsbetont. Das gelingt nicht immer gleich gut. An einigen Stellen wird der Ton etwas pathetisch, an anderen hätte man sich mehr Zurückhaltung gewünscht. Dennoch bleibt der Text meist ehrlich und engagiert.

Wichtig ist Schäfer auch der politische Rahmen. Er spricht über Naturschutz, über Artenvielfalt, über internationale Beschlüsse und darüber, wie schwer es insgesamt ist, Wildnis in einer durchgeplanten Welt zuzulassen. Für ihn ist Natur kein Rückzugsort fern der Realität, sondern Teil gesellschaftlicher Verantwortung. Dass er den Wissensformen der Sami Raum gibt und zugleich vorsichtig mit Idealisierungen umgeht, ist ein Pluspunkt des Buches.

Torsten Schäfer- Die Wildnis in uns

Das Buch ist ein ernsthafter, durchdachter und ausgesprochen lesenswerter Versuch, anders über Natur zu sprechen. Es vermeidet sowohl den belehrenden Ton als auch die wohlfeile Romantisierung, die viele Naturtexte prägt. Stattdessen entsteht eine Perspektive, die aus konkreter Erfahrung erwächst und sich nicht davor scheut, Widersprüche und Unschärfen stehen zu lassen.

Schäfer schreibt als jemand, der draußen unterwegs ist, der sich Situationen aussetzt, die nicht vollständig kontrollierbar sind, und der Unsicherheit nicht als Mangel, sondern als Teil der Erfahrung begreift. Diese Haltung prägt den Text spürbar: Er will nicht erklären, wie Natur „richtig“ zu verstehen ist, sondern lädt dazu ein, sie neu wahrzunehmen.

Gerade deshalb ist Die Wildnis in uns kein glattes, in sich abgeschlossenes Buch. Es bleibt offen, tastend, mitunter auch sperrig. Doch genau darin liegt seine Glaubwürdigkeit. Das Buch erhebt keinen Anspruch auf endgültige Antworten, sondern überzeugt durch seine Haltung – und gewinnt daraus eine Stärke, die vielen gefälligeren Naturerzählungen fehlt.

Verlag: Oekom Verlag

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